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7.10.2016 Schermbeck (pd). Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch hat sich vorgenommen, Flüchtlinge, die es hierher nach Schermbeck verschlagen hat, zu interviewen und ihre Fluchtgeschichten festzuhalten. Ihre Veröffentlichung soll dazu beitragen, ein wenig mehr darüber zu erfahren, was für Menschen mit was für Geschichten und Problemen zu uns kommen und nun mit uns leben.

Meine Interviewpartnerin ist diesmal Lana Naser. Sie ist 12 Jahre alt und hat zwei Brüder im Alter von 6 und 7 Jahren. Mit ihren Geschwistern und Eltern, ihrer Tante und deren Mann kam sie vor etwa einem Jahr nach Deutschland. Sie trägt ein Kopftuch und trägt es gern, so betont sie. Aber sie hat schon zu spüren bekommen, dass es auch in Schermbeck Leute gibt, die das Tragen des Kopftuchs ablehnen
Lana hat Merle Romswinkel zum Interview mitgebracht. Merle ist nicht nur ihre beste Freundin. Sie ist auch ihre Klassenkameradin und „Patin" in der 7d an der Schermbecker Gesamtschule. Sie sitzt im Unterricht neben ihr und darf Lana das, was sie im Laufe des Unterrichtes nicht sofort versteht, erklären. Es ist deutlich zu spüren, dass die beiden sich mögen und bestens verstehen.


Lana kommt aus Aleppo
Lana kommt mit ihrer Familie aus dem syrischen Aleppo, aus der Stadt, die wegen der andauernden Bombardierungen fast jeden Abend in den Nachrichten vorkommt, ein elendes Trümmerfeld, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass dort noch Menschen leben können. Ihre Großeltern väterlicherseits sowie zwei Tanten leben dort noch – ohne Strom und ohne Wasser. Einen Markt, das lebendig-quirrilige Zentrum einer jeden arabischen Stadt, so Lana, gibt es nicht mehr, auch keinen Laden, kein Geschäft. Und wenn es irgendwo was zu kaufen gibt – Obst, Gemüse oder sonstige Lebensmittel -, dann ist es ungeheuer teuer. Gelegentlich bekommt man eine Kiste oder einen Karton mit Lebensmitteln – mit Lebensmitteln, so nehme ich an, die von den Hilfsgüterkonvois der UNO verteilt werden, wenn sie denn in die Stadt hineinkommen.
„Es war traurig und schwierig und lustig"
Dieses grausam zerstörte Aleppo, in dem kein Mensch seines Lebens sicher sein kann, hat Lana mit ihrer Familie vor etwas mehr als einem Jahr verlassen. Ein Auto brachte sie zunächst bis in die Nähe der türkischen Grenze. Weiter ging es zu Fuß.
Lana teilt das, was sie erlebt hat, in drei Kategorien ein: lustig, schwierig und traurig. Wenn sie etwas schwierig nennt, dann heißt das auch: Da war es gefährlich, da stand einiges auf dem Spiel, da hatte ich Angst!
Was jetzt kam, empfand sie als traurig und schwierig. Die Grenze zu überqueren, war traurig, weil es nun endgültig hieß, Opa und Oma, die Tanten, aber auch Freunde und Klassenkameraden, die vertraute Umgebung hinter sich zu lassen. „Schwierig", gefährlich und strapaziös war es, weil sie nun auf und ab durch die Berge wanderten, ohne Pause. Schnell, schnell musste es gehen. Nicht einmal etwas trinken durften sie, erinnert sich Lana. Die ganze Zeit mussten sie auf der Hut sein vor türkischen Soldaten, denn von diesen entdeckt zu werden, bedeutete, zurückgeschickt zu werden.
Auf der türkischen Seite angelangt, brachte sie wiederum ein Auto nach Adana, von da aus ein Bus nach Istanbul. Dort wohnten sie nach der strapaziösen Flucht für ein paar ruhigere Tage bei Lanas Großeltern mütterlicherseits. Die waren bereits ein Jahr zuvor aus Aleppo in die Türkei geflohen.
Dann bricht Lanas Familie wieder auf. Mit dem Bus gelangt sie an die Westküste der Türkei, der die griechischen Inseln vorgelagert sind. In einem völlig überfüllten Schlauchboot setzen sie zu einer dieser Inseln über. Lana nennt diesen Teil wieder „schwierig". Auch wenn sie lächelt, während sie davon erzählt, spüre ich doch etwas von der Angst, die sie damals gehabt haben muss. Lana kann nicht schwimmen – und sie schildert, wie sie sich vorgestellt hat, dass das überfüllte Boot umschlägt und sie mit all den anderen unter dem umgeschlagenen Boot gefangen ist...



Von der Türkei quer durch Europa bis nach Deutschland

Auf der griechischen Insel, so verstehe ich Lana, bleiben sie ein paar Tage – bis sie von einem Schiff ans griechische Festland gebracht werden. Mit dem Finger auf der Landkarte zeigt mir Lana, welche Länder sie dann anschließend durchquerten: Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österrreich. 15 bis 20 Tage, meint Lana, waren sie unterwegs.
„Schwierig" wurde es bei der Überquerung einer der vielen Grenzen, die sie mit ihrer Familie überquerte. Lana meint sich erinnern zu können, dass es die griechisch-mazedonische gewesen sei. Da waren viele Flüchtlinge zu Fuß unterwegs. Immer wieder kam es zu dichtem, unübersichtlichem Gedrängel. Einmal fiel Lana hin, einmal lag ihre Tante plötzlich am Boden. In dem Gewühl kam man auch nicht wieder so schnell auf die Beine. Rücksicht wurde wenig genommen – auch nicht von der Polizei, die sich nicht scheute, gelegentlich vom Schlagstock Gebrauch zu machen.
„Lustig" ging es dagegen irgendwo in Ungarn zu. Da hatte sie mit anderen syrischen Flüchtlingskindern, die mit ihr unterwegs waren, offenbar viel Spaß. Außerdem war da eine freundliche Frau, die sie mit in ihr Haus nahm und ihnen zu essen und zu trinken gab.
Daran, das ist deutlich wahrnehmbar, erinnert sich Lana gerne. Ihre hellwachen Augen glänzen.
In Deutschland angekommen, waren Lana und ihre Familie natürlich noch nicht sofort in Schermbeck. Aber es dauerte doch nicht allzu lang, bis sie an den Ort gelangten, an dem sie inzwischen fast ein Jahr zuhause sind. Heute trifft man Lana und ihre Familie am Fischerskamp an, ihre Tante und deren Mann im ehemaligen Ecco-Hotel.
Lana ist eine gute Beobachterin
Lana ist eine gute Beobachterin. Gefragt, was Schermbeck von Aleppo unterscheidet, muss sie lachen und meint: „Das ist komisch hier in Schermbeck. Hier sind kaum Leute auf der Straße. In Aleppo stellen die Leute einen Stuhl oder eine Bank vor die Tür, da sitzen sie, andere kommen vorbei, bleiben stehen, setzen sich dazu, man unterhält sich. Hier in Schermbeck sitzen alle zuhause." Auch fällt ihr auf, dass hier die Häuser in der Regel ein spitzes Dach haben. In Aleppo gibt es nur Flachdächer. Und meist sind die Häuser um einen Innenhof herum gebaut. Und außerdem: In Aleppo gibt es viele sehr alte Bauten, eine Burg, Moscheen... und es wird deutlich, dass sie es gewohnt war, von den Zeugen der jahrtausendealten und bedeutenden Vergangenheit und Tradition Aleppos umgeben zu sein. Viel davon liegt jetzt in Schutt und Asche. Lana aber wird die Bilder von ihrer einstmals beeindruckenden Heimatstadt in ihrem Gedächtnis bewahren.
Lana möchte Kinderärztin werden
Wer diesen Bericht bisher gelesen hat, wird den Schluss gezogen haben, dass Lana sich beim Interview ganz gut mitzuteilen wusste. Das ist auch so. Ich wäre stolz auf mich, würde ich – nach einem Jahr in einem arabischen Land – so gut die dortige Landessprache sprechen wie sie die unsrige. Man merkt: Lana lernt schnell, nimmt gut auf. Befragt, welche Fächer sie im Schulunterricht besonders gern hat, antwortet sie: Mathe und Sport! Ziele über die nächste Zukunft hinaus hat sie auch schon: Sie möchte Kinderärztin werden.
Wolfgang Bornebusch, Pfarrer i. R.

 

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