20.3.2016 Schermbeck (pd).Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch hat sich vorgenommen, Flüchtlinge, die es hierher nach Schermbeck verschlagen hat, zu interviewen und ihre Fluchtgeschichten festzuhalten.
Ihre Veröffentlichung soll beitragen, ein wenig mehr darüber zu erfahren, was für Menschen mit was für Geschichten und Problemen zu uns kommen und nun mit uns leben. Sein Gegenüber ist diesmal Yazir Kzar Yazir.

Mein Interviewpartner ist diesmal Yazir Kzar Yazir. Ich suche ihn auf in seinem Zimmer – Wohnzimmer, Esszimmer und Schlafzimmer zugleich – , das er zusammen mit einem Neffen im ehemaligen Ecco-Hotel bewohnt.
Yazir Kzar Yazir kommt aus dem Irak. Er ist 42 Jahre alt und Schiit. Er ist verheiratet und Vater von vier Söhnen und sechs Töchtern. Seine beiden ältesten Töchter sind bereits verheiratet. Und bis in das Jahr 2015 hinein war er ein durchaus erfolgreicher Geschäftsmann. Er leitete ein Bauunternehmen mit insgesamt etwa 300 Mitarbeitern. Seine Firma baute Schulen und Krankenhäuser. Im Auftrag der Amerikaner sicherte sie allerdings auch die Überlandstraße von Bagdad nach Kuweit. Sie suchte diese nach von Terroristen gelegte Bomben und Minen ab und meldete ihre Funde der irakischen Polizei und dem amerikanischen Militär. Diese sperrten dann die Straße ab und schickten den Minenräumdienst.

















Yazir Kzar Yazir (ganz links) mit Mitarbeitern (vor allem aus der eigenen Verwandtschaft) an der Überlandstraße, die Bagdad mit Kuweit verbindet


Yazir Kzar Yazir – in den Augen seiner Verfolger ein Verräter

Durch diese Zusammenarbeit mit den Amerikanern geriet Yazir ins Visier nichtstaatlicher schiitischer Milizen. Diese Milizen – vom Iran unterstützt – sind einerseits erklärte Gegner der im Lande stationierten Amerikaner, bekämpfen andererseits auch die irakische Armee und den (sunnitischen) IS. In ihren Augen ist Yazir ein Verräter, ein Agent der amerikanischen Besatzer. Deshalb wurde er von diesen Milizen mit dem Tode bedroht, so berichtet er. Sein Haus wurde gesprengt. Seine Familie musste ihren Heimatort Nassiriya verlassen. Sie lebt heute in einem kleinen, unauffälligen Dorf in der Wüste des Irak.
Yazir muss fliehen
Yasir selbst musste fliehen. Das war im Januar 2015. Er setzte sich zunächst nach Bosra ab, in die zweitgrößte Stadt des Irak, hatte aber das Gefühl, auch dort nicht sicher zu sein. Deshalb verließ er Bosra nach etwa 6 Monaten wieder. Am 1. Juli 2015, so erinnert er sich, floh er nach Kuweit. Drei Tage wanderte er durch die Wüste, um dort einen Freund zu treffen, der ihm Unterschlupf gewährte und auch Geld beschaffte. Während seiner Tage in Kuweit sah Yazir im Fernsehen die Ströme der Flüchtlinge, die nach Deutschland unterwegs waren. Von da ab stand für ihn fest: „Deutschland ist auch mein Ziel."
Deshalb verließ er Kuweit nach etwa zwei Monaten wieder, besorgte sich einen Pass und verließ auf schnellstem Wege den Irak: vom Internationalen Flughafen von Najaf aus in Richtung Istanbul / Türkei. Das war am 22. September 2015.
Da Najaf ein Zentrum jener Milizen ist, die nach Yazir suchten, waren die Tage bis zu seinem Abflug äußerst risikoreich und gefahrvoll. Sie waren nur zu bewältigen mit Hilfe von etlichen guten und zuverlässigen Freunden und Verwandten. Diese beobachteten die Wege und Straßen, die er zu gehen hatte, gaben ihm ein Zeichen, wenn die Luft rein war usw.
Nach Istanbul flog Yazir nicht allein. Fünf Neffen waren nun mit ihm unterwegs, die Kinder von zwei Brüdern und einer Schwester: Hussein (18), Ahmed (18), Mohammed (22), Saad (23) und Fahad (26).

















Yazir (2. von rechts) mit seinen Neffen (von links) Saad, Achmed,Fahad, Hussein und Mohammed

Von Istanbul nach Deutschland – eine abenteuerliche Reise

Zurück ließ er seine Eltern, seine Kinder, vor allem aber auch seine Frau. Sie erwartete zu diesem Zeitpunkt das 10. Kind, die heute drei Monate alte Ruqaia. Diese hat er bisher nur durch zugesandte Fotos zu Gesicht bekommen.
Yazir scheint ein sehr organisierter Mensch zu sein. Ich bin erstaunt, wie schnell und gezielt er seine Pläne umsetzt. Kaum ist er mit seinen fünf Neffen in Istanbul gelandet, geht es auch schon weiter – mit dem Bus nach Südwesten zu einem Ort an der Westküste der Türkei gegenüber der griechischen Insel Lesbos. Dort kommen sie morgens um 5 Uhr in der Frühe an.
Auch dort hält er sich nicht lange auf. Mit den Schleppern, die mit der Not der Flüchtlinge ein gutes Geschäft machen, wird er sich schnell einig: Für 1500 Euro pro Person besorgen sie ihm und seinen Neffen Plätze auf einem Schlauchboot, das sie nach Mytillini auf Lesbos bringt. Die Überfahrt ging, so verstehe ich ihn, ohne Probleme vonstatten. Das Meer war ruhig.
Nur drei Tage müssen Yazir und seine Neffen auf Lesbos verbringen. Dann nimmt sie eine Fähre auf und bringt sie mit etwa 2000 anderen Flüchtlingen, so erinnert er sich, ans griechische Festland, zur griechischen Hafenstadt Kavála, etwa auf halber Strecke zwischen Saloniki und der türkischen Grenze gelegen.
Von Lesbos bis Deutschland in sieben Tagen
Ich frage Yazir, wie lange er mit seinen Jungens gebraucht hat, um von Lesbos nach Deutschland zu gelangen. Ganze sieben Tage, ist die Antwort. Tag und Nacht waren sie unterwegs. Zunächst mit der Fähre, dann abwechselnd mit Bus oder Bahn, zwischendurch auch immer wieder etliche Kilometer zu Fuß. Ohne Pause. Geschlafen wurde während der Fahrt, damit es nach jeder neuen Ankunft gleich weitergehen konnte. Irgendwann, so deutet Yazir an, verloren sie jedes Zeitgefühl, bekamen kaum noch mit, ob es Morgen oder Abend war, Tag oder Nacht. Es ging immer nur weiter. Bis zur Erschöpfung.
Yazir erinnert sich seiner eigenen Angst, die ihn immer dann überfiel, wenn er das Gefühl hatte, seine Neffen im Gewühl der Menge von Flüchtlingen zu verlieren. Er erinnert sich aber auch all der freundlichen Helfer, die ihm und seinen Neffen immer wieder zu essen und zu trinken gaben, sie mit Kleidung versorgten und ihnen sogar Blumen überreichten. Diese Geste des Willkommens beeindruckte ihn sehr.
Von Saloniki führte Yazir und seine Neffen ihre Route über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich schließlich nach Passau. Sie hatten das ersehnte Deutschland erreicht.
Die Odysee geht weiter!
Aber auch Passau sollte für sie noch nicht der Ort sein, an dem sie zur Ruhe kommen konnten. Sie wurden gleich weitergeleitet ins mittelbayrische Regendorf. Dort, so verstehe ich meinen Gesprächspartner, bleiben sie ganze 5 Tage. Dort werden sie registriert. Man nimmt ihnen ihre Fingerabdrücke ab. Von Regendorf schickt man sie weiter nach Bielefeld, wo sie aber auch nur zwei Tage bleiben. Ihre nächste Station ist Oer-Erkenschwick. Dort bleiben sie einen ganzen Monat. Dann aber, am 22. Oktober 2015 – Yazir hat solche Daten sehr präsent – bringt man ihn und seine Neffen nach Schermbeck. und es sieht so aus, dass sie hier ersteinmal bleiben können. Ihre Odysee quer durch Europa ist beendet. Zumindest vorläufig.
Er ist zur Stelle, wo man ihn braucht
Zunächst kommen sie hier in Schermbeck in der Flüchtlingsunterkunft an der Alten Poststraße unter. Inzwischen bewohnen sie – jeweils zu zweit – drei Zimmer im ehemaligen Ecco-Hotel. Und Yazir Kzar Yazir scheint bereits seine Rolle gefunden zu haben. Er geht den Mitarbeitern der Caritas zur Hand. Er ist immer dort zur Stelle, so berichten mir Mitarbeiter der Caritas, wo jemand gebraucht wird. Er sorgt dafür, dass es auf Zimmern und Fluren einigermaßen ordentlich aussieht, dass die Wäsche nicht zum Fenster heraushängt und dass der Abfall seinen Weg in die Mülltonne findet. Er ist es auch, der den Schlüssel zur Alarmanlage hat. Man merkt ihm an, dass er es gewohnt ist, Dinge in die Hand zu nehmen, zu managen, zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen. Er strahlt eine natürliche Autorität aus.



















Kinder und Jugendliche aus der Großfamilie Kzar grüßen Yasir aus der Heimat

Welche Wünsche hat Yazir Kzar Yazir?
Yazir wünscht sich zunächst einmal, dass sein Asylverfahren in Gang kommt, dass man ihm seinen Status als politisch verfolgter Flüchtling zuerkennt – und dass man ihm erlaubt zu arbeiten. Denn er will arbeiten und nicht immer nur warten. Das Warten macht ihn mürbe. Er möchte Geld verdienen. Als Lastwagenfahrer. Als Taxifahrer. In einem Supermarkt. In einem Restaurant. Er ist zu allem bereit. Dass er hier nicht gleich wieder eine Baufirma leiten kann, ist ihm völlig klar. Und dass Deutschkenntnisse eine unerlässliche Voraussetzung sind, wenn er hier Fuß fassen will, wenn er hier Arbeit bekommen will, das weiß er auch. Deshalb gehen er und seine Neffen auch regelmäßig zum Deutschunterricht.
Natürlich hat Yazir auch noch weitere Wünsche und Hoffnungen. Er möchte endlich seine kleine Tochter Ruqaia sehen. Er hofft, dass seine Familie irgendwann nachkommen kann. Dass das schwierig ist, hat er schon mitbekommen. Er hofft trotzdem.
Wie sollte er auch ohne solche Hoffnung leben?

Wolfgang Bornebusch