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Leserbrief: #wirsindmehr: Schermbeck stellt sich gegen die AfD

24.9.2018 Schermbecker. Ein Eindruck der Veranstaltung, geschildert von Jasmin D. Was tue ich hier eigentlich?“, frage ich mich immer und immer wieder. Ich stehe  an der Mittelstrasse und diskutiere mit mir fremden Menschen für mich indiskutable Vorstellungen. Wenn das Gespräch endet, lasse mich auf das nächste ein und der Irrsinn beginnt von Neuem. Brauche ich eine Pause, gehe ich 100 Meter weiter zu den Menschen, die – wie ich – wissen, dass Ausgrenzung und Rassismus das Problem sind und nicht die Lösung.
Es ist Samstagmittag, die Sonne scheint und Schermbeck trifft sich. Kein Flohmarkt, kein Straßenfest – oder vielleicht doch irgendwie? Der Parkplatz vor Overkämping ist voller Menschen. Es gibt Waffeln, eine Spendenbox, Livemusik und einen Stand der örtlichen CDU, neben dem SPD-Fähnchen wehen.
Nennen wir das Kind beim Namen: Ich habe ein Problem mit der AfD. Ein generelles und ein ganz persönliches. Mein Vater ist vor Armut und kriegerischen Konflikten aus Westafrika geflohen. In Deutschland heiratete er meine Mutter und zeugte ein Kind: Mich. Wann immer die AfD despektierlich über Schwarze und/oder Flüchtlinge spricht, geht es um meine Familiengeschichte. Wann immer es um „die Folgen“ der Migration geht, geht es um mich. Das ist das Eine.
Das Andere ist, dass ich glaube, dass die AfD versucht, Schwache gegen Schwache auszuspielen und an die niedersten Instinkte der Menschen appelliert. So kann man es sich leicht machen: Sind der „kriminelle Ausländer“ oder „der Islam“ erst als Hauptproblem der Gesellschaft identifiziert, fragt niemand mehr nach Konzepten zu Themen wie Klimaschutz, demographischem Wandel, Altersarmut oder Pflegenotstand. Die AfD paktiert mit Rechtsradikalen und will das Unsagbare sagbar machen. Stichwort „Vogelschiss“.
Ich akzeptiere das nicht und eine Zukunft, in der diese Partei politischen Gestaltungsspielraum bekommt, ist für mich keine Option.
Antworten auf wichtige Herausforderungen hat die AfD nicht, im Gegenteil: Die Partei eint allein der völkische Gedanke, ansonsten sind die Ausrichtungen der Gruppen um von Bernd Höcke und Alexander Gauland grundverschieden. Aber ich gerate ins Plaudern...
Dass man sich inhaltlich nicht komplett einig ist, zeigt sich auch am Samstag deutlich am Stand der AfD. Die Antwort eines Mitglieds der AfD Wesel auf die Frage, wie es zusammenpasst, dass sich die Partei auf ihren prominent an der Mittelstraße inszenierten Plakaten gegen „Extremismus aller Art“ ausspricht, während in Chemnitz Höcke Seit’ an Seit’ mit dem wegen Volksverhetzung verurteilten PEgIdA-Frontmann Lutz Bachmann einen „Trauermarsch“ abhält, irritiert mich: Deutschland sei ein freies Land, in dem jeder tun und lassen könne, was er wolle. So halt auch sich einer von der AfD angemeldeten Demonstration anzuschließen. Die AfD habe damit nichts zu tun, man distanziere sich von den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und sowieso habe Bachmann nicht neben, sondern hinter Höcke gestanden.
Anderer Meinung ist ein aus Duisburg angereister AfD`ler, der meine Frage abstrus findet. Schließlich sei PEgIdA der „natürliche Verbündete“ der AfD.
Überhaupt ist auffällig, dass der Großteil der Vertreter am Stand der Partei nicht aus Schermbeck kommt, sondern eigens aus dem Umland angereist ist. Wer die Gründungsmitglieder des OV Schermbeck sind, ist auch zwei Monate nach Entstehen nicht klar, bekannte Gesichter sehen die Beobachter am Stand jedenfalls nicht.
Vielleicht ist dies eine Erklärung dafür, warum lokalpolitische Themen keinen Raum am Stand der AfD haben. Ein AfD`ler erklärt, man wolle erstmal die Bedürfnisse der Bürger ausloten und sich derer dann annehmen. Ich wundere mich: Engagiert man sich nicht eigentlich gerade, weil man Themen hat?
Stattdessen: Wut auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und jede Menge „Whataboutism“. Moniere ich, dass die AfD tief gespalten ist und keine Konzepte vorlegt, soll ich die Politik der Partei „Die Linke“ erklären. Spreche ich über Rechtsextremismus soll ich Vorwürfe zum Linksextremismus kontern. Immer wieder soll ich mich erklären, dabei will sich die AfD doch vorstellen. Seltsam.
Hauptthema ist aber, immer und immer wieder nur eines: „Die Fremden“. Ein bulliger junger Mann erklärt mir, seine fünf Kinder könnten wegen Übergriffen durch Ausländer keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr nutzen, eine 61-jährige Frau sagt, dass sie aus Angst vor Ausländern nicht mehr nachts alleine durch den Park gehen kann.
Ich weiß nicht, ob ich ihnen ihre Ängste abnehme, habe den Eindruck, manipuliert zu werden: Was bin ich für ein Unmensch, wenn ich mich nicht auf die Seite von Kindern und Alten stelle? Meine Antwort, dass Ängste keine Fremdenfeindlichkeit rechtfertigen, dringt nicht durch.
Während die Stimmung auf der Gegenveranstaltung fröhlich-entspannt ist, man über dies und jenes plaudert, während Kinder durch Gegend rennen und im Hintergrund Musik spielt, spüre ich am Stand der Partei Anspannung. Ich habe den Eindruck, dass jeder in Hab-Acht-Stellung ist. Am Rand haben sich einige körperlich recht beeindruckende Gestalten positioniert und die Polizei ist immer in Sichtweite. Wer wie ich kritisch nachfragt, sieht sich schnell einer Gruppe von älteren Männern gegenüber, die gegenseitig helfend einspringen, wenn einer nicht mehr weiterweiß. Das ist nicht bedrohlich, nur irgendwie seltsam.
Überhaupt fällt auf, dass die AfD in Sachen „Diversity Management“ noch Luft nach oben hat. Nur wenige Unterstützer sind weiblich, nur wenige unter 40. Die Kombination sehe ich überhaupt nicht. Dafür versucht ein Standbegleiter sein Glück kurz vor dem Ende der Veranstaltung bei drei jungen Männern, die nichtsahnend am Stand vorbeischlendern. Sie haben dunkle Haare, dunkle Haut und sprechen kaum Deutsch. Ich wundere mich.
Ein ehemaliger Mitarbeiter des militärischen Abschirmdienstes verliert kurz die Contenance, nachdem ein Protestler die AfD wütend als Nazis beschimpft: Es gebe keine Nazis in Deutschland, man solle sich mit Geschichte befassen, lässt er verlauten und ignoriert den Hinweis auf Rechtsextreme und den selbsternannten „Nationalsozialisten Untergrund“. Eine ältere, offensichtlich gut situierte Frau, zischt mir etwas zu, ich verstehe nur „Afrika“. Wiederholen möchte sie sich nicht und wendet sich mit höhnischem Grinsen ab.
Ich denke, dass allein meine Anwesenheit eine Zumutung für einige der Anwesenden ist. Meine Hautfarbe, mein Auftreten bringen mir nicht wenige skeptische Blicke ein. Fairerweise muss ich aber sagen, dass meine Gespräche teilweise – wenn auch inhaltlich unbefriedigend – durchaus freundlicher Natur waren.
Wundere ich mich darüber? Ändert das etwas an meiner Haltung? Nicht im Geringsten.
Ob es sinniger ist, sich mit Extremen direkt auseinanderzusetzen oder sie allein am Rand stehen zu lassen, bleibt dahingestellt. Niemand wird seine Meinung ändern, weil ich sage, dass ich sie für falsch halte. Vielleicht hört aber jemand zu, der noch nicht festgelegt ist und meine Worte klingen nach. Außerdem mag ich es, Menschenfeinde argumentativ auflaufen zu lassen.
Ich für meinen Teil habe am Samstag genug gesehen und gehört. Und so beunruhigend ich das Auftreten der AfD finde, so beruhigend ist es, dass ihre Ideen in Schermbeck nicht auf sonderlich fruchtbaren Boden fallen.
Schermbeck hat unmissverständlich Haltung gezeigt und ein Statement für ein offenes und friedvolles Miteinander gesetzt. Ich denke, dass der Ortsverband der AfD erkennen musste, hier kein leichtes Spiel zu haben und ich weiß, dass dies erst der Anfang ist.
Schermbeck ist bunt und friedlich und will es bleiben. Parteien, Bündnisse und die bürgerliche Mitte von links bis konservativ haben klargemacht, was gemeinsam möglich ist und dass es nicht die Angst vor dem Fremden ist, die die Schermbecker verbindet, sondern das „Ja“ zu Demokratie und Weltoffenheit.
Und ja, lieber AfD-Ortsverband Schermbeck: #wirsindmehr

Name und Anschrift der Autorin sind der Redaktion bekannt

 

 

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