"Die Familien der anderen"- Eine Lesung mit Christine Westermann
28.4.2026 (geg). Aus dem Leben von Christine Westermann sind Bücher gar nicht wegzudenken. In der letzten Woche erzählte sie auf Einladung der Kulturstiftung Schermbeck mit einem Quentchen Selbstironie und erfrischend offen davon, wie sie zu den Büchern (und Thomas Mann) fand. Dabei entdeckten die Gäste, dass die Radio- und Fernsehmoderatorin auch das Zeug zur Entertainerin hat. Mit einem Pfefferminztee in der Hand – wegen ihrer angekratzten Stimme – blickte sie von der Bühne in den Saal. „Bitte das Licht anlassen, ich möchte mich doch mit meinem Publikum unterhalten“, so die Buchautorin. Sie war gekommen, um aus ihrem Werk „Die Familien der anderen“ zu lesen. Das Flirten mit dem Publikum gehörte allerdings dazu. „Ich freue mich, hier zu sein“, sagte die Kölnerin und fügte gleich hinzu: „Sie denken sicherlich, das sagt die Westermann überall! Nach einer kurzen Pause gab sie zu: „Stimmt!“ Aber es stimme letztendlich nicht überall. In Schermbeck sei es besonders schön, überall sei es so grün. Mit dieser Einleitung hatte sie das Publikum längst für sich eingenommen.

Die Lesung aus ihrem Buch fügt sich wunderbar in die Erzählungen aus ihrem Leben ein. Mal liest sie eine Passage, mal erzählt sie Anekdoten aus ihrem Leben als Autorin und Buchvorstellerin. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass sie so manchen Bestseller angesagter Kritiker für nicht empfehlenswert hält. Ihr Lieblingsgetränk ist kaltes Bier mit Eis. Ihr zweiter Vorname lautet Herausforderung. Bücher kauft sie, wenn das Cover sie anspricht. Das habe sich jedoch geändert, seit sie gemeinsam mit Mona Ameziane in einem Literatur-Podcast diskutiert.
Westermann empfahl: „Vertrauen Sie Ihrem Buchhändler. Alternativ können Sie auch in den Büchern blättern und lesen: erst den Anfang, dann eine Passage aus der Mitte.“ Westermann ist sich sicher: „Sie spüren, ob der Funke überspringt. Sonst lassen Sie das Buch einfach liegen.“
Natürlich spricht sie auch die Weltliteratur an. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann habe bei ihr durchaus ambivalente Gefühle ausgelöst, obwohl sie ihn mittlerweile gleich zweimal ihr Eigen nennt. Was anderen im Publikum wohl ebenso ergangen ist. Eine Dame im Saal offenbarte, „Der Zauberberg“ gleich dreimal gelesen zu haben: einmal als Schullektüre und die weiteren Male aus Interesse.

Die Besucherinnen und Besucher erfuhren auch Interessantes aus der Welt der Buchherstellung. Zum Beispiel, dass fast jedes Buch bereits einen Titel hat, bevor es fertiggestellt ist. Sie, Christine Westermann, wurde für das Cover ihres neuen Buches zur Fotosession geladen, ohne überhaupt eine einzige Zeile geschrieben zu haben – eben weil die Neuerscheinungen für den Herbst schon im Frühjahr auf den Weg gebracht werden. Sie erzählt auch, dass sie doch nervös war, als sie erstmals angesprochen wurde, ob sie sich vorstellen könne, im Radio Büchertipps zu geben. „Dabei wusste ich nicht einmal, wie die Nobelpreisträger der vergangenen 15 Jahre hießen.“

Am Ende des gut eineinhalbstündigen Abends plaudert sie über die Geschenke der Veranstalter, die sie erhalten hat. Über Bildbände, Senf, Salz, Badeschaum und Kräuterlikör. Dabei wünscht sie sich doch nur eine Stulle und ein eiskaltes Bier. Außerdem sollte die Tischdecke übers Lesepult so lang sein, dass man nicht sieht, wenn sie sich bei ihrem Auftritt die Schuhe auszieht.
Fotos Rainer Hoheisel

