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„Heute fühl ich mich als Tänzerin" - Gruppe Nebelhorn fragt „Wer bin ich?“

15.5.2026 Weselerwald. Die Gruppe Nebelhorn ist eine inklusive künstlerische Gruppe von und für Menschen mit und ohne Behinderung. Seit dem Jahr 1995 sind die Teilnehmenden, unter der künstlerischen Anleitung von Raúl Avellaneda, im Atelier auf dem Gelände der evangelischen Stiftung Lühlerheim in Schermbeck aktiv. Etwa 20 bis 30 Menschen besuchen wöchentlich das offene Atelier. Immer wieder präsentieren die Kunstschaffenden ihre Arbeit der Öffentlichkeit und laden zum Diskurs ein. Der küsntelrische Leiter betont: "Das Anliegen der Gruppe ist aufzuzeigen, dass gerade die Frage nach der eigenen Identität in einer vielfältigen Welt viele Möglichkeiten und Chancen eröffnet."  Besonders deutlich werde das in einem inklusiven Kontext und immer dann wenn Menschen nicht getrennt, angepasst oder in Schubladen gesteckt werden, sondern Verschiedenheit selbstverständlich ist. Raúl betont: "Erst in solchen Räumen wird es möglich, das eigene authentische Selbst frei zu entdecken, zu zeigen und auszuleben."

Wer am 9. Mai über den Leyens-Platz in Wesel ging, stieß auf ein Aktionszelt, das nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zum Nachdenken einlud. Die Gruppe Nebelhorn hatte dort von 11 bis 17 Uhr ein offenes Atelier angeboten. Besuchende konnten ins Gespräch kommen, die kreative Arbeit kennenlernen und sich mit dem aktuellen Projekt „Wer bin ich?“ auseinandersetzen.

 Bereits beim Aufbau zeigte sich der gemeinschaftliche Charakter der Gruppe: Dieser wurde ausschließlich durch ehrenamtliche Mitarbeit getragen. Am Aktionstag selbst wirkten rund ein Dutzend Mitwirkende der Gruppe am Zelt mit und gestalteten gemeinsam einen offenen Begegnungsraum. Viele, wie beispielsweise das langjährige Mitglied Christoph Krawinkel, wohnen selbst in Wesel, kommen aus dem Umkreis oder haben eine weite Strecke angetreten, wie beispielsweise Jenni oder Sabine, die aus Dortmund und Krefeld anreisten.

 Das Projekt „Wer bin ich?“ wird von Aktion Mensch, unter dem Motto „Viel vor –Gemeinsam aktiv für Inklusion“ im Programm zur inklusiven Begegnung im Alltag, gefördert. Nebelhorn beschäftigt sich mit Themen wie Biografie, Selbstbild, Inklusion und gesellschaftlicher Teilhabe. Fragen wie „Wo komme ich her?“, „Wann bin ich da?“, „Was bewege ich?“, “Wovon werde ich berührt?” und „Welche Passion treibt mich?“ bilden dabei den Ausgangspunkt.

Besonders präsent war jedoch die zentrale Frage, die auch auf einem Spiegel vor dem Zelt zu lesen war: „Wer bin ich?“

Was zunächst philosophisch und abstrakt wirken mag, bekam vor Ort immer wieder unmittelbare Antworten. Denise Karwinski, Teilnehmerin der Gruppe, sagte: „Heute fühl ich mich als Tänzerin, deswegen tanze ich jetzt meine spanischen und südamerikanischen Flamenco-Tänze zu Angelos Musik.“

Gerade diese Direktheit machte den besonderen Charakter von Nebelhorn sichtbar. Keine komplizierten Theorien, keine großen Erklärungen. Vielmehr ergaben sich ehrliche, spontane Antworten auf eine Frage, die viele Menschen ihr ganzes Leben begleitet.

Ein kreativer Zugang dazu entstand über Schattenbilder. Von den Profilen der Teilnehmenden und Besucher*innen wurden Silhouetten erstellt. Nachdem sie sich selbst in dieser Form betrachteten, schrieben Viele spontan auf, wer sie sind. So entstanden persönliche, direkte und sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage.

Musikalisch begleitet wurde die Aktion von Angelo Carresi, der selbst seit seiner Kindheit in der Gruppe aktiv mitwirkt. Angelo ließ auf seiner Gitarre verschiedene Stücke und teils improvisierte Melodien, mit eingebauten Einflüssen aus dem Flamenco, erklingen. Die Musik passte sich der Atmosphäre vor Ort an und verlieh dem Geschehen eine lebendige, offene Stimmung.

Viele Vorbeilaufende blieben im Trubel der Weseler Einkaufsstraße stehen, kamen ins Gespräch und setzten sich mit dem Projektthema und dadurch mit dem eigenen Selbst auseinander. Das offene Atelier wurde so zu einem Ort der Begegnung, an dem Menschen nicht nur zuschauten, sondern selbst Teil des Prozesses wurden.

Eine vorbeikommende Passantin brachte einen Gedanken zur Inklusion auf den Punkt. Sie bemerkte, man „erkennt ja gar nicht, wer eine (sogenannte) Behinderung hat und wer keine hat.“ In dieser spontanen Aussage spiegelte sich ein zentrales Anliegen des Projekts Nebelhorn wider: Inklusion bedeutet nicht, dass einzelne Menschen in bestehende Strukturen aufgenommen werden. Vielmehr entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem Unterschiede selbstverständlich sind und Teilhabe für alle möglich wird.

Die Impulse und Ergebnisse des Tages enden nicht auf dem Leyens-Platz. Geplant ist eine künstlerische Weiterverarbeitung der entstandenen Beiträge und Begegnungen. Zudem soll das Thema “Wer bin ich?” in einer späteren Ausstellung gezeigt und der Öffentlichkeit erneut zugänglich gemacht werden.

Text: Sam Wagner
Foto: Rainer Hoheisel

 

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