
Vorträge aus dem Schiedsrichterwesen des Fußballs sind eher fad? Deniz Aytekin bewies das Gegenteil
Von Arnulf Beckmann
15.7.2026 Schermbeck. Wer dachte, dass Vorträge aus dem Schiedsrichterwesen des Fußballs eher fad daherkommen, durfte sich am Dienstagnachmittag eines Besseren belehren lassen. Deniz Aytekin gastierte am Dienstagnachmittag auf Einladung des Business Clubs des SV Schermbeck im Abrahamhaus an der Sportanlage des Fußball-Oberligisten und sorgte unter dem Motto „Führen, entscheiden, menschlich bleiben” nicht nur für tiefe Einblicke in die Lebenswelt eines Spitzenschiedsrichters. Der einstige Bundesliga-Referee, der über 250 Bundesliga-Spiele pfiff, zudem 30 Länder- und 54 Europacupspiele leitete, stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass auch die sonst so gestrengen Herren unterhaltsam daherkommen können. Auf launige Art gelangen dem prominenten Gast jede Menge Querverweise mit lehrreichen Beispielen auch für die Unternehmerwelt. „Auf dem Platz wie auch in einem Unternehmen gilt: Wertschätzende Führung schafft Akzeptanz”, so der 47-jährige Aytekin in seiner knapp einstündigen Ausführung. „Es ist immer hilfreich, seinen Mitarbeitern Entscheidungen zu erklären.”
So jedenfalls hat er die Dinge in seiner langjährigen Laufbahn zumeist gehandhabt. Dennoch musste der Mann, der heute Buchautor („Souverän entscheiden und führen”), Unternehmer und Betriebswirt ist, dazu einen längeren Lernprozess durchlaufen. Nach seinem ersten Bundesligajahr wählten ihn die Profis zum unbeliebtesten Mann an der Pfeife, auch weil sein damals autoritäres Auftreten von Spielern und Verantwortlichen als unangenehm, unangemessen und arrogant empfunden wurde. „Ich habe zu Beginn Härte mit Stärke verwechselt”, sagt Aytekin heute selbstkritisch. „Danach habe ich angefangen, das zu ändern.”

Mit positiven Folgen: Gleich vier Mal wurde er zum Schiedsrichter der Saison gewählt – nur den Referee-Legenden Markus Merk und Felix Brych gelang das öfter. Dass er in dieser Zeit Strategien entwickelt hat, um unter hohem psychischen Druck rasch Entscheidungen zu treffen, nahmen die fast 100 Gäste aufmerksam zur Kenntnis und mit viel Applaus entgegen. Antizipation, Automatismen entwickeln, Zusatzinformationen wahrnehmen und Reaktionen aus dem Umfeld beobachten – das alles sind Parameter, die sowohl in der Spiel- als auch in der Unternehmensleitung eine Rolle spielen.
„Nicht umsonst gilt der Spruch: Stimmung macht Umsatz”, so Aytekin, der auch von den besonderen psychischen Belastungen eines Schiedsrichters erzählt. Zu Corona-Zeiten, so Aytekin, durfte er das Revierderby zwischen dem BVB und den Schalkern leiten – vor leeren Rängen. „Das fühlte sich an wie ein Freizeitkick”, so Aytekin, der dann aber unmittelbar vor Anpfiff die Nachricht bekam, dass das Match über den World-Feed übertragen werde und damit rund 800 Millionen Zuschauer einfangen sollte. „Und dann geht der Puls aber ganz rasch in die Höhe.” So wie auch beim legendären 4:4 zwischen den beiden Ruhrrivalen, das Aytekin ebenfalls leiten durfte.
Heute gilt der gebürtige Franke als eloquenter Gesprächspartner und Redner auf vielen Veranstaltungen in Deutschland. Fast jeder wollte am Dienstagnachmittag ein Foto mit ihm gemeinsam, viele wollten etwas von ihm wissen. „Die häufigste Frage, die mir immer wieder gestellt wird lautet: War es ein Handspiel von Cucurella im EM-Viertelfinale 2024 zwischen Spanien und Deutschland?”, erzählt Aytekin und antwortet eindeutig mit einem Ja. Die zweithäufigste Frage sei die nach seiner Motivation, Schiedsrichter geworden zu sein. Die Antwort kommt prompt: „Das ist dieser Moment des Einlaufes ins Stadion”, sagt er. „Das gibt dir so unfassbar viel Energie.”

Das gab am Ende stehende Ovationen seitens der Gäste, die einmal mehr unter dem Motto „All you can meet” zusammengekommen waren. Rund 80 Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region haben sich inzwischen diesem Netzwerk angeschlossen, das bereits zum fünften Mal zusammenkam und nach Miriam Höller (GNTM), Joey Kelly, Paul Underberg (Unternehmer des Jahrzehnts) und Schalkes Vorstand Sport Frank Baumann nun erneut prominenten Besuch hatte. Das Prinzip dabei ist einfach: „Es geht um analoge Treffen, digitale Vernetzungen, Marketingansätze, wertvolle Impulse sowie neue Kontakte mit Verbindungen”, so Underberg, auf dessen Initiative der Business Club vor zwei Jahren entstanden ist und den er gern mit Leben füllt. „Und da passt Deniz Aytekin mit seinen Strategien wunderbar hinein.”
Fotos Christopher Meier-Wilkening