
80 Jahre Volkshochschule Wesel-Hamminkeln-Schermbeck: Ein Ort der Bildung, Begegnung und Zukunft
11.9.2026 Kreis Wesel (pd). Vor 80 Jahren, am 10. September 1946, wurde die Volkshochschule Wesel-Hamminkeln-Schermbeck gegründet. Heute, acht Jahrzehnte später, ist die vhs längst weit mehr als eine Institution für Kurse und Bildungsangebote. Sie ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des gesellschaftlichen Miteinanders. Ihr 80-jähriges Bestehen nahm die Volkshochschule zum Anlass, mit einem feierlichen Festakt auf ihre Geschichte zurückzublicken und zugleich den Blick in die Zukunft zu richten.
vhs-Direktor Andreas Brinkmann eröffnete die Veranstaltung und stellte die Menschen in den Mittelpunkt, die die Volkshochschule seit ihrer Gründung prägen. Seit 80 Jahren bringe die vhs Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft zusammen. Gerade dadurch sei die vhs nicht nur Kursanbieter, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt. Brinkmann berichtete von Jamie, der von einer Förderschule kam und drei Schulabschlüsse in der vhs nachgeholt habe und nun eine kaufmännische Ausbildung mache und von Jessica, die in der vhs als Erwachsene lesen und schreiben gelernt habe, ihren Alltag mittlerweile selbstständig meistere und viel selbstbewusster geworden sei. Er fasste zusammen: „Für viele Menschen ist die vhs der Beginn eines neuen Lebensabschnitts und schafft die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft.“
„Eine Einrichtung, die seit 80 Jahren Zukunft gestaltet“
Rainer Benien, Bürgermeister der Stadt Wesel und gleichzeitig Verbandsvorsteher der vhs, richtete den Blick zurück und gleichzeitig nach vorn. Die Gründung der vhs im Jahr 1946 fand in einer Zeit statt, in der Wesel und der Niederrhein von den Folgen des zweiten Weltkriegs geprägt waren. Städte und Infrastruktur lagen in Trümmern. Vertrauen, Orientierung und gesellschaftlicher Zusammenhalt waren vielfach verloren gegangen.
„Wir feiern heute nicht nur 80 Jahre Vergangenheit, sondern wir feiern eine Einrichtung, die seit 80 Jahren Zukunft gestaltet“, betont Benien. Eine Volkshochschule dürfe auf eine lange Geschichte zurückblicken und Erfahrung haben, aber „sie darf niemals alt werden“. Entscheidend sei, am Puls der Zeit zu bleiben und die Themen aufzugreifen, die die Menschen bewegen.
Bildung als Fundament für Demokratie
Einen historischen Blick in die Entstehung der Volkshochschulen in Deutschland gab Celia Sokolowsky, Vorstandsvorsitzende des Landesverbands der Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die große Gründungswelle der Volkshochschulen setzte nach 1919 ein. Mit der Weimarer Reichsverfassung erhielten die staatlichen Ebenen den Auftrag, Volkshochschulen zu fördern. Bildung sollte die junge Republik stärken, Orientierung geben und dazu beitragen, Demokratie durch Wissen und gesellschaftliche Teilhabe zu festigen.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Volkshochschulen neu aufgebaut, wie auch die vhs Wesel-Hamminkeln-Schermbeck, die am 10.09.1946 gegründet wurde. Zu den frühen Bildungsangeboten gehörten beispielsweise Veranstaltungen zum Lesen ausländischer Presse oder zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf Deutschland und die Welt. Ziel war es, Wissen zu vermitteln, Orientierung zu geben und demokratische Strukturen zu stärken.
Diese Aufgabe sei bis heute aktuell, betont Sokolowsky. Gerade in politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewinne die Vermittlung von Wissen, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und die Stärkung demokratischer Werte weiter an Bedeutung.
Die Kursleitungen geben der vhs ihr Gesicht
Tobias Geerißen, Vorsitzender der Verbandsversammlung, richtete in seiner Festrede den Fokus auf diejenigen, die das Bildungsangebot der vhs unmittelbar gestalten: die Kursleitungen. Mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und ihrer Freude am Lehren seien sie es, die Semester für Semester ein zeitgemäßes und vielfältiges Programm entwickeln und die Volkshochschule mit Leben füllen. Hinter jedem Kurs stünden Menschen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben und damit einen wichtigen Beitrag zur Bildungsarbeit der vhs leisten.
Hinter jeder Anmeldung steckt eine persönliche Geschichte
Wie eng Bildung und persönliche Lebenswege miteinander verbunden sind, machte Cristina Falck, Fachbereichsleiterin für Deutsch als Zweitsprache, in ihrer Rede deutlich. Sie richtete den Blick auf die Menschen, die an der vhs Deutsch lernen, und damit auf ganz persönliche Geschichten, Hoffnungen und Herausforderungen. Zum Beispiel von Fahime, von Bissan oder von Nagham. „Das sind Frauen, die bei uns lesen, schreiben und Deutsch gelernt haben. Frauen, die in ihren Heimatländern keine Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen. Nicht, weil sie nicht lernen wollten. Und auch nicht, weil ihnen die Fähigkeiten dazu fehlten. Sondern weil Krieg ihnen diese Möglichkeit genommen hat. Oder weil sie in Gesellschaften aufgewachsen sind, in denen Bildung für Mädchen nicht selbstverständlich war“, so Falck.
Ein Deutschkurs sei für viele von ihnen weit mehr als das Erlernen einer Sprache. „Ein Deutschkurs an der vhs ist für viele von ihnen ein Anfang. Der Anfang von Integration, Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.“
„Ein Ort, an dem es nie zu spät ist, etwas Neues zu beginnen“
Auch Katharina Schlüß, Verwaltungsleiterin der vhs, stellte die Menschen in den Mittelpunkt. „Seit 80 Jahren ist die vhs ein Ort der Neugier, der Begegnung und ein Ort, an dem es nie zu spät ist, etwas Neues zu beginnen.“ Dabei treffe in der Volkshochschule eine Vielfalt von Menschen aufeinander, die sich im normalen Alltag vielleicht niemals begegnet wären. Genau diese Begegnungen machten die vhs zu einem besonderen Ort des gesellschaftlichen Miteinanders.
Zum Abschluss des offiziellen Programms trug Anita Giesen ein selbst geschriebenes Gedicht über die vhs vor. Sie hat in der vhs ihren Realschulabschluss nachgeholt. In einem sehr bewegenden Text beschrieb sie, was Menschen bewegt und wie sie die vhs wahrgenommen hat. Sie trug vor: „vhs ist Begegnung, Mut und Zeit – sie schenkt uns Wissen und Gemeinsamkeit.“ Das Publikum war sehr ergriffen vom sehr persönlichen und emotionalen Text und applaudierte mit Standing Ovations.
80 Jahre Geschichte in Bildern
Im Anschluss an die Festreden wurde eine Fotoausstellung mit historischen Einblicken in 80 Jahre Volkshochschule feierlich eröffnet. Die Ausstellung nimmt die Gäste mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte der vhs und zeigt, wie sich Bildungsangebote, Menschen und gesellschaftliche Themen im Laufe der Jahrzehnte verändert haben.
Bei Canapés und Getränken klang der Festabend in geselliger Atmosphäre aus. Dabei wurde deutlich, dass die Geschichte der vhs vor allem eine Geschichte der Menschen ist, die sie besuchen, gestalten und mit Leben füllen. Nach 80 Jahren blickt die Volkshochschule deshalb nicht nur zurück. Sie richtet ihren Blick vor allem nach vorne: Auf neue Themen, neue Begegnungen und neue Möglichkeiten. Denn eines hat sich seit der Gründung 1946 nicht verändert: Bildung ist ein wichtiger Schlüssel für gesellschaftlichen Zusammenhalt, persönliche Entwicklung und eine positive Zukunft.