
Heimatmuseum Schermbeck: Ein schwarzer Aktenkoffer erzählt Geschichte
9.9.2026 Schermbeck (pd). Lesung mit Petronella Freitag im Heimatmuseum Schermbeck
Vor rund 30 Gästen im Heimatmuseum Schermbeck las Petronella Freitag aus ihrem Buch „Mathilde“ und erzählte die bewegende Lebensgeschichte ihrer Schwiegermutter. Ein Leben zwischen Ostpreußen, Sibirien und Schermbeck
Petronella Freitag war sich lange nicht sicher, so erzählte sie, ob sie die Geschichte ihrer Schwiegermutter eines Tages tatsächlich aufschreiben würde. Vielleicht, so dachte sie, würden die Kinder oder Enkel irgendwann einmal Interesse daran haben, zu erfahren, woher ihre Familie eigentlich kommt und was die Generationen vor ihnen erlebt haben.Nach dem Tod der Mutter war die Frage groß: Was bewahrt man auf – und was darf gehen?
Und da steht er nun – der schwarze Aktenkoffer mit den letzten greifbaren Erinnerungen an Mathilde Freitag, geborene Sommerfeld. Briefe, Fotografien und Dokumente liegen darin. Mehr als zwanzig Jahre stand der Koffer unbeachtet in einer Ecke des Schranks. Am 27. August 2026 wurde aus dem vergessenen Koffer schließlich ein Stück lebendige Geschichte.
Mathilde Sommerfeld wurde am 21. Dezember 1912 in Trojna im Kreis Lublin in Ostpreußen geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie auf einem Gutshof. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zog die Familie nach Sibirien. Nach dem Krieg kehrte sie nach Ostpreußen zurück und lebte in Paulsdorf im Kreis Marienwerder.Von Beruf war sie Schneiderin.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und Mathilde musste im Jahr 1944 mit ihren drei Kindern aus Ostpreußen fliehen. Was folgte, war eine lange und schwierige Reise mit Stationen in Dresden,Hattersheim und deren Ende schließlich Schermbeck sein sollte. Hinter diesen wenigen Stationen stehen Erfahrungen, die heute kaum noch vorstellbar sind: Heimatverlust, Flucht, Unsicherheit und der mühsame Neubeginn in einer völlig veränderten Welt.
Was bleibt? Dazu kommentiert Kerstin Stricker-Jungenkrüger: Vielleicht ist es gerade der schwarze Koffer, der diese Geschichte so greifbar macht. Denn Geschichte beginnt nicht immer mit großen Ereignissen, bekannten Persönlichkeiten oder dicken Geschichtsbüchern. Manchmal liegt sie jahrzehntelang in einem Schrank – in einem Brief, einem alten Foto oder einem Dokument, das niemand mehr richtig zuordnen kann. Und manchmal braucht es den Mut, den Koffer zu öffnen. Petronella Freitag hat genau das getan. Sie hat die Erinnerungen ihrer Schwiegermutter bewahrt, geordnet und zu einer Geschichte gemacht. Damit ist aus einer privaten Familiengeschichte ein Stück Zeitgeschichte geworden. Eine Geschichte, die auch zeigt, wie wichtig es ist, Erinnerungen weiterzugeben. Denn was für eine Generation selbstverständlich war, kann für die nächste bereits fremd und unverständlich sein. Und vielleicht ist genau deshalb jede aufbewahrte Fotografie, jeder Brief und jedes Dokument wertvoll. Der schwarze Koffer ist jedenfalls nicht länger ein vergessener Gegenstand im Schrank. Er ist ein Stück Familiengeschichte, das nun erzählt wird. „Manchmal wissen wir erst viel später, was wir hätten bewahren sollen.“ Die Lesung im Heimatmuseum hat gezeigt: Geschichte lebt, wenn Menschen bereit sind, ihre Erinnerungen zu öffnen und mit anderen zu teilen.






