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Kein Keller wie alle anderen sondern ein Bunker

24.4.2019 Gelsenkirchen (straßen.nrw). Wer über die A42, vorbei an der Ausfahrt Gelsenkirchen-Bismarck, unterwegs ist, der ahnt nicht, dass dies einst ein strategischer Schauplatz des Kalten Krieges war. Denn was heutzutage eine meist recht zügige Ost-West-Verbindung durch das nördliche Ruhrgebiet ist, wäre für die Starfighter der NATO im Ernstfall Start- und Landebahn gewesen. Und: In einer Bunkeranlage unter der Autobahnmeisterei Gelsenkirchen des Landesbetriebes Straßenbau Nordrhein-Westfalen hätten sich bis zu 40 Menschen vor Luftangriffen des Warschauer Pakts in Sicherheit bringen können. Noch heute wird ein Blick in den Keller zu einem Blick in die Vergangenheit.

Hineinspaziert
Es ist eine Treppe wie jede andere, hier im Gebäude der Autobahnmeisterei Gelsenkirchen - es geht hinunter in einen Keller. Vorbei an Heizungsrohren und Abstellräumen. Nichts Auffälliges also. Bis eine metallene Schutztür den Weg versperrt. Schwer ist sie und mit einem speziellen Schließmechanismus versehen."Hineinspaziert!" Straßenwärterin Kirsten Schütz öffnet den Eingang in den ehemaligen Schutzraum, genauer gesagt zu mehreren Räumen auf einer Gesamtfläche von etwa 13 mal 13 Metern.
In der Dunkelheit ist noch nichts zu erkennen. Fluoreszierende Farbe an der Wand markiert einen Notausstieg. Da geht’s also raus. Wenn’s dunkel ist. Und wenn’s denn sein muss. Licht an. Umschauen. An der Wand hängen Werkzeuge, auf dem Boden einer Abstellkammer fristen eine Gasmaske und zwei Gasflaschen ("Atemluft, 200 bar") ihr einsames Dasein. Ganz offensichtlich ein Keller, der nicht mehr gebraucht wird - abgesehen von der Tatsache, dass er als Abstellgelegenheit herhalten kann. Ein Keller, der aber gleichzeitig noch immer seine frühere Funktion offenbart.

36 Sitz- und 15 Liegeplätze
Und ein Keller, der zweigeteilt ist. Man könnte sagen: in einen Wohn- und einen Arbeitsbereich. Wobei das Wort "Wohnen" den spartanischen Charakter der Räume nicht im Entferntesten trifft. Der Schlafraum mit Etagenbett-Pritschen gleicht einem Provisorium. Direkt daneben befindet sich eine Gemeinschaftsdusche, deren Armaturen längst abgebaut sind. Ein Plan an der Wand, die letzte Aktualisierung stammt aus dem Jahr 1988, gibt an, dass dieser Bunker insgesamt 36 Sitz- und 15 Liegeplätze bereithielt. Wirklich gemütlich hätten es sich die Damen und Herren hier im Ernstfall nicht machen können.
Und so hat auch der Aufenthaltsraum am Ende des linken Ganges den sachlichen Charme einer Straßenbahn-Haltestelle - nur nicht so bequem. Zwischen Haltestangen aus Metall sind Plastikschalen-Sitze angebracht, abgedeckt mit einer durchsichtigen Plane, darüber befindet sich eine Ablage für kleine Koffer. Rücken an Rücken hätten die potenziellen Bewohner, zum großen Teil Mitarbeiter der Autobahnmeisterei, hier im Falle eines militärischen Angriffs sitzen können. Kommunikativ ist anders. Immerhin: An jedem Sitzplatz gibt es Kopfstützen - für das Nickerchen zwischendurch. Doch wozu das Ganze?

Der Kalte Krieg
Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick zurück in die Siebziger- und Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts notwendig. NATO und Warschauer Pakt stehen sich im Kalten Krieg gegenüber. Die Angst vor einer Eskalation ist allgegenwärtig. Im Rahmen des Verkehrssicherstellungsgesetzes, das bereits in den Sechzigerjahren im Zusammenhang mit den Notstandsgesetzen in der Bundesrepublik verabschiedet wurde, erhielten die Autobahn- und Straßenmeistereien den Auftrag, im so genannten "V-Fall", dem Verteidigungsfall, dafür zu sorgen, dass die für die Kriegsführung notwendigen Straßen erhalten werden. "Das ist vergleichbar mit den Bunkern an der innerdeutschen Grenze", erklärt Gerhard Dahmen von Straßen.NRW. Der Landesbetrieb ist heute für die Autobahnmeistereien zuständig. "So gab es beispielsweise auch Bunker an strategisch wichtigen Brücken. Brücken, die man hätte sprengen können, um dem Feind den Angriff zu erschweren."

Starfighter auf Autobahnen
Und: "Einzelne Teilstücke der Autobahnen waren als Landebahnen für Starfighter vorgesehen", so Dahmen weiter. "Das kann man teilweise heute noch erkennen: Auf diesen Teilstücken ist der Mittelstreifen häufig noch immer asphaltiert." Um im Ernstfall vorbereitet zu sein, schrieb ein Regierungserlass seinerzeit vor, dass Lüftung und technische Einrichtungen in diesen Bunkern regelmäßig gewartet werden mussten. So auch in Gelsenkirchen. Und nicht nur das: "Es mussten auch jederzeit Lebensmittel vorrätig sein." Dafür sorgten die Mitarbeiter der Autobahnmeistereien. Das mag heute skurril klingen. Und führt man sich die konkrete Situation vor Augen, in denen sich die Bewohner der Anlage befunden hätten - im Kriegsfall nämlich -, lässt sich ein mulmiges Gefühl nicht verleugnen.

Eigenes Telefonnetz
Weiter geht es in den zweiten Gang. Hier im Arbeitsbereich wird es technisch. Wie vergleichbare Anlagen unter den Straßen.NRW- Autobahnmeistereien sollte der Gelsenkirchener Bunker im Ernstfall wichtige Kommunikationswege sichern - alte Telefonanlagen in Serverschränken zeugen bis heute davon. "Die Autobahnmeistereien waren über ein eigenes Telefonnetz miteinander verbunden", erzählt Schütz. Heute ist das nicht mehr der Fall. Dennoch wirkt die ganze Szenerie so, als sei der Bunker gerade erst verlassen worden: Aus den Schränken lugen offen Kabel heraus. Auf einem Schreibtisch im Siebzigerjahre-Design hat jemand ein altes Telefon und einen leeren Aktenordner zurückgelassen. Vor alten Schaltkästen liegen funktionslose Flügelschrauben, Kabel warten vergebens auf Anschluss. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Der Kalte Krieg ist längst vorbei. "Wir nutzen die Räume heute nur noch als Abstellkammer", sagt Schütz, schmunzelt und tritt den Rückweg an. Es ist eine Treppe wie jede andere, hier im Gebäude der Autobahnmeisterei Gelsenkirchen. Sie führt nach oben und damit zurück in die Gegenwart. Zurück aus dem Bunker, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Die metallene Schutztür schließt sich. Zurück bleibt ein Kapitel deutscher Geschichte.

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